8. Juli 2017

»Tote Mädchen lügen nicht«
Buch und Serie im Vergleich

So allmählich flaut der Hype um die Serie »Tote Mädchen lügen nicht« wieder ab, und auch die kritischen Meldungen online und offline werden weniger. Dennoch spricht die Serie nach wie vor ein wichtiges Thema an. Nachdem ich euch die Rezension schon vor Wochen präsentiert habe (hier könnt ihr sie euch noch einmal ansehen), habe ich die Serie nun auch endlich geschaut und möchte einen kleinen Vergleich anstellen.

Den Produzenten der Serie gebührt definitiv Lob – das sei vorweg schon einmal gesagt -, denn sie ist nahe am Buch gehalten. Das ist so eine Sache, an denen viele Verfilmungen scheitern. Bei »Tote Mädchen lügen nicht« ist das aber nicht der Fall. Das Skript hält sich fast genau an die Vorlage, und die meisten Abweichungen sind stimmig und machen so Sinn.

 

Ein gutes Beispiel dafür sind die Eltern.

Im Buch kommen sie überhaupt nicht vor. Das ist einerseits schade, denn gerade der Aspekt, wie die Eltern mit dem Tod umgehen, ob sie etwas gemerkt haben und wie die allgemeine häusliche Situation von Hannah war, ist sehr wichtig. Andererseits hat es im Buch keine Möglichkeit gegeben, die Eltern zu Wort kommen zu lassen. Denn im Buch geht es wirklich einzig um die Kassetten und es wäre sehr grausam gewesen, wenn den Eltern ebenfalls eine Kassette gewidmet worden wäre.

In der Serie bekommen sie ihren Platz und allein die schauspielerische Leistung der beiden Darsteller lässt alles so unglaublich echt wirken. Sie füllen ihre Rollen perfekt aus, sodass die Eltern zwar ihren wichtigen Platz in der Geschichte um Hannahs Tod bekommen, aber die eigentliche Haupthandlung – die Kassetten – nicht in den Hintergrund drängen.

 

Platz für Nebenhandlungen

Im Buch geschieht alles in einem relativ kurzen Zeitraum. Man hat kaum Zeit zum Durchatmen und wird von einer Kassette zur nächsten geschubst. In der Serie wurde auch viel Zeit für das Drumherum aufgewendet. Man lernt Clays Eltern kennen, erfährt in kurzen Sequenzen, dass er ebenfalls schon einmal psychische Probleme hatte, und bekommt auch mehr von der Freundschaft zwischen ihm und Tony mit. Auch, wie die Beteiligten miteinander umgehen und alles versuchen, um die Veröffentlichung der Kassetten zu verhindern, wird gut dargestellt. Es bildet sich sozusagen eine Clique um dieses Geheimnis. Gerade dieses Zwischenmenschliche in der Serie fand ich sehr gut ausgebaut und im Nachhinein hätte ich mir das auch bisschen mehr fürs Buch gewünscht.

 

Charakterliche Unterschiede

In erster Linie geht es um Clay, der die Kassetten zu Hannahs Selbstmord anhört und herauszufinden versucht, wieso er auf den Kassetten ist, bevor er seine hören muss. Dabei gibt es einige Unterschiede zwischen dem Clay im Buch und in der Serie.

Im Buch ist er ein schüchterner Junge, mit nicht allzu viel Freunden. Er ist zurückhaltend und himmelt quasi aus der Ferne seine Arbeitskollegin im Kino an. Die Beziehung zwischen Hannah und Clay wirkt im Buch eher wie eine Bekanntschaft, obwohl Clay eindeutig in sie verliebt ist. Hannahs Gefühle lassen sich durch die Kassette erahnen, aber werden nie wirklich angesprochen.

In der Serie ist das anders. Die beiden verbindet fast so etwas wie eine Freundschaft. Sie sprechen oft miteinander und beide sind deutlich ineinander verliebt, auch wenn sie selbst es nicht merken. Als Bekanntschaft lässt sich dieses Verhältnis nicht beschreiben.

 

Mehr als nur Vorstellung

Beim Lesen eines Buches ist die eigene Vorstellungskraft gefragt. Dementsprechend fallen die angedeuteten Szenen in »Tote Mädchen lügen nicht« wahrscheinlich bei jedem anders aus. Ich fand einige eher harmlos, oder besser gesagt reichte meine Vorstellung – die vielleicht noch etwas naives an sich hat – nicht so weit, dass ich verstanden hätte, wie drastisch einige Szenen sind.

In der Serie ist das anders. Hier bleibt nämlich nichts der Vorstellung überlassen. Die Warnhinweise am Anfang der kritischen Folgen empfinden vielleicht einige als übertrieben, aber in gewisser Weise haben sie doch ihre Berechtigung, denn einige Szenen sind hart. Einige Szenen können einen sehr treffen und beschäftigen. Einige Szenen öffnen einem die Augen, wie schlimm es wirklich um Hannah stand.

 

Starker Kontrast

Ich überlege noch, ob ich diesen Kontrast zwischen Buch und Serie gut finde oder nicht. Einerseits ist es wichtig, nichts von diesen Geschehnissen zu beschönigen. Denn es sind Dinge, die uns allen passieren können. Jeder von uns kann gemobbt werden, irgendjemand kann gegen jemanden von uns handgreiflich werden, man kann uns böse Streiche spielen, uns bedrängen oder schlimmeres. Es ist wichtig, dass in dieser Serie aufgezeigt wird, dass das alles möglich ist.

Andererseits sind einige Szenen wirklich hart. Und obwohl ich bei Filmen mit Gewalt gar nicht so empfindlich bin, hat mich die Serie zu »Tote Mädchen lügen nicht« doch schockiert. Vielleicht, weil es so alltäglich ist. Weil jeder von uns schon zur Schule gegangen ist, dort vielleicht geärgert wurde oder mehr.

 

Das Wort »Depression«

Depression ist ein Thema, das in der Öffentlichkeit immer noch nicht gerne angesprochen wird. Vermutlich ist es auch eine Krankheit, die nicht wirklich als eine wahrgenommen und von vielen nicht ernst genommen wird.

Auch in der Serie »Tote Mädchen lügen nicht« wird dieses Wort nicht wirklich genannt. Es wird klar, dass Hannah darunter leidet. Ihr ganzes Verhalten spricht dafür. Aber wieso wird es nicht ausgesprochen?

Verstehen Zuschauer, die nicht selbst von Depression betroffen sind oder Betroffene kennen, überhaupt, um was es geht? Wieso Hannah in so ein tiefes Loch gezogen wird und nicht mehr herauskommt?

 

Für Angehörige, nicht für Betroffene

Die Serie ist meiner Meinung nach ein guter Anfang, auf dieses Thema Aufmerksam zu machen. Die Serie ist wichtig! Nicht unbedingt für Betroffene selbst, da die Geschehnisse darin sie mehr bestürzen als ihnen helfen könnten. Aber sie ist wichtig für Angehörige. Denn wir müssen uns bewusst werden, dass ein einzelnes Wort – egal ob gesagt oder vielleicht sogar nicht gesagt – ausreicht, um das letzte rettende Fünkchen in einem Menschen zum Erlischen zu bringen.

 


 

Weitere Besprechungen:

Weltenwanderer | Brösels Bücherregal | Literaturliebe

Meine Rezension

 


 

3 Comments

  • Hallo liebe Kate,
    ich habe weder das Buch gelesen noch die Serie geschaut, aber natürlich ist keins von beidem unbemerkt an mir vorbeigezogen. Und neugierig bin ich schon, das lässt sich nicht leugnen, aber ich scheue mich irgendwie, zu dieser Geschichte zu greifen. Nicht wegen des Themas, nein, sondern weil ich befürchte, dass sie zu hart und intensiv und aufwühlend sein könnte. Aber vielleicht packt es mich ja doch noch und dann bin ich sehr gespannt, ob ich dir in deinen Punkten zustimme oder nicht. 🙂

    Gant liebe Grüße,
    Maike

    • Kate sagt:

      Hallöchen Maike,
      ich kann dir definitiv empfehlen, das Buch zu lesen/die Serie zu schauen, aber ich kann deine Sorgen nachvollziehen. Es ist aufwühlend und intensiv, die Serie wie ich finde noch mehr.
      Falls du dich dazu entscheiden solltest, wäre ich sehr gespannt auf deine Meinung! 🙂

      Liebste Grüße ♥

    • Ich werde dir auf jeden Fall berichten! 😀
      Liebe Grüße,
      Maike

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