24. Juli 2017

»Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« von Haruki Murakami

Heute gibt es mal eine etwas andere Rezension. Ich probiere gerade sehr viel herum und bin doch nie so richtig zufrieden damit, wie meine Rezensionen aufgebaut sind. Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Nährwert fehlt. Dass sie nicht wirklich Aussagekräftig sind.

Anna von Ink of Books hat mich mit ihrem Beitrag zum Thema Rezensionen zum Nachdenken gebracht. Ich probiere jetzt mal ihr System mit Positivem und Negativem aus und bin gespannt, was ihr dazu sagt. Beim Schreiben habe ich mir tatsächlich schon leichter getan.

Ich bin jetzt also offiziell ein Nachmacher, aber ein Nachmacher mit Genehmigung 😉

 

Schon seit einer ganzen Weile wollte ich mal einen Murakami lesen. Denn seine Schreibe soll etwas ganz besonderes und sehr schräg sein. Weil so viele von ihm schwärmen, habe ich mir mal ein paar Bücher empfehlen lassen und die meisten meinten, »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« wäre als Murakami-Einstieg sehr gut geeignet.

 

Kurzbeschreibung

Es geht um den mittlerweile Mitte dreißig-jährigen Tazaki, der eine Frau kennen lernt. Doch sie hat immer das Gefühl, dass er sie nicht richtig an sich heranlässt. Grund dafür ist ein Ereignis in der Vergangenheit. Denn Tazaki gehörte mal zu einer Fünfergruppe, die alles gemeinsam gemacht hat. Die anderen vier waren seine besten Freunde und die gemeinsame Zeit war etwas ganz besonderes, obwohl er sich immer etwas ausgeschlossen gefühlt hat. Immerhin haben all seine alten Freunde eine Farbe in ihrem Namen, wodurch er sich immer farblos gefühlt hat.

Eines Tages haben sich seine Freunde von ihm abgewendet, ohne ein Wort der Begründung. Und Tazaki hat auch nie nachgefragt. Bis er sich mit Mitte dreißig auf eine Reise in die Vergangenheit begibt, um herauszufinden, was damals passiert ist.

 

P O S I T I V E S

Angenehm zu lesen

Tatsächlich habe ich erwartet, dass Murakami eine ganz außergewöhnliche Schreibe hat. Hat er in gewisser Weise auch, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass sie so leicht zu lesen sein würde. Die Zeilen fliegen nur so dahin und das obwohl deren Inhalt teilweise abstrus ist.

 

Die Spannung kam spät, aber blieb

Anfangs dümpelte die Geschichte so ein bisschen vor sich hin, sodass ich vor dem Buch saß und mich gefragt habe, wann es denn endlich losgeht. Ich hatte ein bisschen Angst, dass mir Murakami so im Gedächtnis bleiben würde: „Tolle Schreibe, aber langweilige Geschichte.” Denn alle, vor allem Kollegen, sind so begeistert von Murakami, dass ich ihn doch toll finden muss!

Aber die Spannung kam noch auf. Es dauerte zwar ein bisschen, aber ab dem Moment, als Tazaki sich auf die Reise in seine Heimatstadt macht, um mit seinen alten Freunden zu sprechen, konnte ich das Buch kaum noch weglegen. Das große Geheimnis wird zwar ziemlich schnell enthüllt, sodass der erste Knaller überraschend zeitig vorüber war. Aber es bleibt spannend, denn man möchte unbedingt wissen, was seine anderen Jugendfreunde dazu zu sagen haben.

 

Vielfältigkeit in vieler Hinsicht

Besonders auffällig ist, wie unterschiedlich die Charaktere sind. Vor allem Tazaki und seine Jugendfreunde könnten charakterlich nicht weiter voneinander entfernt sein. Und doch sind sie stimmig – im Einzelnen und auch als Gruppe.
Murakami schafft es, jedem seiner Charaktere eine ganz andere Motivation einzuhauchen, weshalb sie alle sehr real wirken. Man muss sich ein bisschen durch die Fassade kämpfen, aber das, das darunter liegt, ist einzigartig.

 

 

N E G A T I V E S

Wichtig, aber öde

Wie schon erwähnt, braucht die Geschichte ein bisschen, bis es richtig losgeht. Die ersten Kapitel empfand ich deshalb doch eher als mühselig. Vor allem die ausführliche Beschreibung von Tazakis Studienzeit fand ich so uninteressant, dass ich teilweise gern weitergeblättert hätte.

Es ist allerdings gut, dass ich das nicht getan habe, denn auch diese Zeit ist maßgeblich für Tazakis Entwicklung. Verfolgt man seine Zeit mit seinem außergewöhnlichen Studienfreund nicht, versteht man Tazaki und seine Handlungen und Gedanken im späteren Verlauf nicht so recht – vor allem die Szenen mit der anderen Realität.

 

Der abstrakte Murakami

Ich wurde vorgewarnt, dass Murakami sehr abstrakt schreibt und so einige verrückte Szenen in seine Bücher einbaut. Weil sich das in »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« aber in Grenzen hält, wurde mir das als Einsteiger-Buch empfohlen. Aber ganz ehrlich?

Ich war enttäuscht, wie wenig abstrakt dieses Buch ist. Mir wurden so viele verrückte Dinge erzählt, die schon in Murakamis Büchern vorkamen, dass es in diesem Buch tatsächlich enttäuschend ist. Das einzig abstrakte ist eine Geschichte über einen Mann, dem der Tod auferlegt wurde und der ihn entweder über sich ergehen lassen oder weitergeben kann. Und die Träume Tazakis, die sich eher wie eine andere Realität anfühlen, sodass er nicht weiß, ob sie überhaupt Träume sind.

 

Erst mal abwarten

Genau diese Einstellung scheint der Protagonist zu haben. Schon in seiner Jugend hat er bei seinen Freunden nicht nachgebohrt, wieso sie plötzlich keinen Kontakt mehr wollten. Und auch später, gegen Ende des Buches, zeigt Tazaki genau diese Eigenschaft. Als Leser ist es da manchmal schwer, seine Beweggründe nachzuvollziehen, weil wahrscheinlich fast jeder – ich zumindest auf jeden Fall – nachfragen würde, wenn jemand gegen einen selbst handelt.

Aber genau diese Eigenschaft an Protagonisten scheint typisch für Murakami und teilweise auch andere japanische Autoren zu sein. Selbst kann ich das zwar nicht beurteilen, aber von zwei Kollegen und Freunden – unter anderem Sibylle von Zwischen meinen Zeilen – wurde mir berichtet, dass das sehr typisch für diese Art Autoren ist.

 

Wie? Was? Wo?

Ich hasse Bücher, in denen Fragen offen bleiben. Vor allem, wenn es sehr viele offene Fragen sind. Leider muss ich mich bei Murakami wohl damit abfinden, denn auch das ist etwas typisches für ihn. Auch in »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« bleiben mehr Fragen offen als gelöst werden.

Wieso haben sich seine Freunde einfach von ihm abgewandt ohne sich zu erklären? Was hat es mit dem früheren Studienfreund auf sich? Ist es jetzt ein Traum oder Realität oder eine andere Realität?

 

 

Fazit

Nach Beenden des Buches bin ich mit gemischten Gefühlen zurückgeblieben. Einerseits ist »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« (ich hoffe, ich muss den Titel nie wieder so oft hintereinander schreiben) irgendwie lehrreich. Man kann sich so einiges daraus ziehen, vor allem was das Miteinander betrifft. Schließlich muss man es nicht einfach so hinnehmen, dass sich Freunde von einem Abwenden und das Jahre mit sich herumschleppen, man kann es auch direkt klären. Andererseits lässt es so viel offen, dass man gar nicht genau weiß, welche Lehre man daraus ziehen soll.

Das war mein erster Murakami und von einigen habe ich gehört, dass der erste einen meistens noch nicht vom Hocker haut, dass man aber nach dem zweiten oder dritten ganz begeistert von diesem Autor ist. Ich werde ihm also noch eine Chance geben und freue mich darauf, wenn im Oktober die Neuausgabe von „Hard-boiled Wonderland” erscheint.

 

 

lesenswert

 

 


 

»Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« von Haruki Murakami

btb | 2015 | 320 Seiten | Einzelband

erhältlich als Taschenbuch | Taschenbuch in Leinen (erscheint im August)

 


2 Comments

  • Kristin S sagt:

    Huhu liebe Kate,
    ich finde den neuen Rezensionsstil klasse. Mir gefällt besonders gut, dass es bei den positiven und negativen Aspekten so viele Zwischenüberschriften gibt. Mir geht es bei Rezensionen oft so, dass ich eine lese und jemand schreibt, ihm habe der Aspekt XY nicht gefallen und mich dann interessiert, ob andere Leser das genauso sehen. Durch solche Zwischenüberschriften kann man selektierter lesen und vor allem das, was einen interessiert, das finde ich sehr übersichtlich und einfach schön strukturiert. 🙂
    Liebe Grüße, Krissy 🙂

    • Kate sagt:

      Liebe Krissy,
      es freut mich, dass du das sagst! Ich habe ja lange überlegt, wie ich meine Rezensionen gestalten soll, aber ich finde es so jetzt auch sehr gut. Schön, dass es ankommt und du mir das auch sagst 🙂

      Liebste Grüße ♥

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