16. Oktober 2017

»The Hate U Give« von Angie Thomas

Eigentlich hat mich dieses Buch thematisch nicht unbedingt angesprochen und auch den Hype darum habe ich erst spät mitbekommen. Aber es wurde zur Leserunde bei den Schreibnacht-Bookgeeks, einem kleinen Leseclub, also habe ich es doch gelesen.

 

Inhalt

Die 16-jährige Starr lebt in zwei Welten: in dem verarmten Viertel, in dem sie wohnt, und in der Privatschule, an der sie fast die einzige Schwarze ist. Als Starrs bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, rückt sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Khalil war unbewaffnet. Bald wird landesweit über seinen Tod berichtet; viele stempeln Khalil als Gangmitglied ab, andere gehen in seinem Namen auf die Straße. Die Polizei und ein Drogenboss setzen Starr und ihre Familie unter Druck. Was geschah an jenem Abend wirklich? Die Einzige, die das beantworten kann, ist Starr. Doch ihre Antwort würde ihr Leben in Gefahr bringen… Quelle: cbt

 

P O S I T I V E S

Wundervoll leichter Schreibstil

Schon im ersten Kapitel sind mir ein paar Sätze aufgefallen, die ich so schön fand, dass ich sie mir markieren musste. Und normalerweise passiert mir sowas nie bei Büchern. »The Hate U Give« ist so angenehm geschrieben, so leicht – das ist ein starker Kontrast zu dem harten Thema und macht es vielleicht dadurch so angenehm zu lesen. Die Seiten fließen dahin und man hat immer wieder diesen tollen Stil und den kecken Humor von Starr und ihrer Familie. Diese Kombination macht das Buch wirklich zu etwas besonderem.

Was mich überrascht hat, ist, dass die Geschichte um Starr nicht einmal wirklich emotional geschrieben ist. Dennoch hat sie so eine Tiefe, dass sie mich richtig mitgezogen und mehrmals zu Tränen gerührt hat. Es sind weniger die Gefühle, sondern die Handlungen der Personen, die so überzeugend dargestellt werden, dass man alles sehr stark mitfühlt.

 

Rassismus von einer ganz anderen Seite

Bis zu »The Hate U Give« war mir nicht bewusst, dass Rassismus in beide Richtungen funktioniert. Aber in diesem Buch bekommt man tatsächlich sehr stark mit, was die Schwarzen-Gemeinde, in der Starr lebt, von Weißen hält. Dass sie ihnen nicht trauen, sie nicht mögen und sie auch nicht wirklich in ihrem Viertel haben wollen. Selbst Starrs Vater denkt von einem gemischtrassigen Pärchen, dass der Schwarze nicht ganz richtig im Kopf sein kann, wenn er sich mit einem Weißen einlässt.

Das ganze hat mich tatsächlich ein bisschen schockiert. Denn auf der einen Seite haben wir den Rassismus, weil ein schwarzer Jugendlicher erschossen wurde – weil er schwarz war und deshalb ja kriminell sein muss. Und auf der anderen Seite haben wir den Rassismus gegen Weiße. Thomas stellt beide Seiten so gut dar, dass ich mich beim Lesen gefragt habe, wieso mir das vorher nie wirklich bewusst gewesen ist.

Ebenfalls überraschend war, dass Starr sich in ihrer Schule sehr verstellen muss. Obwohl auch ihre weißen Freunde den Slang benutzen, in dem sie selbst normalerweise sprechen würde, gestattet sie sich das in der Schule nicht. Denn bei den privilegierten Weißen ist das cool … bei ihr würde womöglich jeder denken, sie wäre eine schwarze Braut aus dem Ghetto. Dieser Zwiespalt in Starr wirkt so echt, ich habe richtig mit ihr mitgefühlt und bin wütend geworden, dass sie nicht sie selbst sein kann.

 

Alles sehr real gehalten

 Die ganzen Umstände um Khalils Tod sind so dargestellt, wie sie wirklich geschehen könnten. Die Medien suchen nach Ausreden und Rechtfertigungen. Auch die Polizei versucht alle Aufmerksamkeit auf Khalils angebliche Drogendealer-Karriere zu lenken. Als als wäre es okay, ihn erschossen zu haben, weil er Dealer war. Das alles ist so gut gemacht und so real, dass es beim Lesen beinahe wehgetan hat.

 

 

N E G A T I V E S

Die Black History

 Für die Geschichte ist es hilfreich, wenn man sich ein bisschen über die Geschichte der Schwarzen auskennt. Thomas baut das auch in ihr Buch ein, was an sich gut ist. Leider hat das Gespräch zwischen Starr und ihrem Vater über die Black History sehr gestellt gewirkt. Man hat beim Lesen gemerkt, dass das halt ins Buch musste und deshalb ist es drin. Es hat sich nicht eingefügt und mich deshalb eher aus dem Lesen rausgerissen.

 

Immer noch ein Jugendbuch

»The Hate U Give« ist ein Jugendbuch. Es ist klar als eines gekennzeichnet und natürlich war mir das während des Lesens immer bewusst. Dennoch fand ich es schade, dass gerade das Ende in das typische Jugendbuch-Klischee getappt ist. THUG hätte ein Ende verdient, der auch zum Rest des wichtigen und heftigen Themas gepasst hätte. Doch dieses angedeutete Happy End – damit verrate ich, denke ich, nicht zu viel – war mir etwas zu viel des Guten. Es ähnelte einem klassischen Ende einer Jugendbuch-Romanze, dabei sollte sich »The Hate U Give« deutlich von so etwas abheben.

 

 

Fazit

 Ich habe dieses Buch krasser erwartet, es war nicht so heftig wie ich es mir vor dem Lesen vorgestellt habe. Dennoch ist mir das Thema Rassismus jetzt bewusster geworden. Ich werde nie nachvollziehen können, wie sich Rassismus wirklich anfühlt, weil wir Weißen das Glück haben, davon kaum betroffen zu sein. Aber ich verstehe es nun besser und habe diese Ungerechtigkeit mitgefühlt als würde sie mich selbst betreffen. Dieses Buch macht etwas mit einem, das man nicht in Worte fassen kann.

 

 

tolles Leseerlebnis

 

 

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»The Hate U Give« von Angie Thomas

cbt | 2017 | 512 Seiten | Einzelband

erhältlich als Hardcover eBook

 


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